Herr Jakob zum Thema Warten

„Herr Jakob?“
„Ja, bitte?“
„Sie haben ja nun schon mehrere Tage auf unser nächstes Gespräch gewartet – ist Ihnen dies schwer gefallen?“
„Ach, nein, eigentlich nicht. Sicher war ich neugierig, was Sie als nächstes fragen würden. Doch zwischendurch habe ich nicht mehr daran gedacht, da habe ich es einfach vergessen.“
„Einfach vergessen?“
„Ja, ich habe gar nicht mehr daran gedacht, dass wir eine Verabredung hatten und Sie sich wieder melden wollten. Ich habe mir gesagt: Wenn es soweit ist, ist es soweit. Da muss man nichts beschleunigen. Das kann man ganz in Ruhe abwarten.“
„In Ruhe abwarten, … ja. Wenn das nur immer so einfach wäre … “
„Finden Sie das schwierig? Auch einmal etwas in Ruhe abzuwarten?“
„Nun, also, zugegebenermaßen, manchmal fällt mir Warten schwer.“
„Ach. Tatsächlich.“
„Ja! Da stehen Sie beispielsweise stundenlang an einer Supermarktkasse – und dann bekommen Sie auch noch mit, dass bei jemandem die EC-Karte nicht funktioniert. Natürlich bezahlen alle Leute in der Schlange mit EC-Karte, in allen anderen Schlangen wird bar bezahlt, das können Sie beobachten. Das ist doch zum Haare raufen!“
„Zum Haare raufen?“
„Ja, und wie! Ich habe doch noch anderes vor, als mein halbes Leben an einer Supermarktkasse zu verbringen. Es kann doch wohl nicht sein, dass …“
„Achach.“
„Wie bitte?“
„Ich bitte um Nachsicht, ich habe Sie unterbrochen. Aber sehen Sie mal: Ist Warten nicht auch ganz angenehm?“
„Angenehm?“
„Ja. Ich empfinde Warten maches Mal als geradezu entspannend. Es ist für mich wie geschenkte Zeit. Da stehe ich in der Schlange an der Kasse, der eine kramt nach dem Kleingeld, der nächste will noch etwas umtauschen und es entwickelt sich eine Diskussion mit der Kassiererin – das dauert und dauert. Da merke ich, wie mir meine Hinterfrau oder mein Hintermann den Einkaufswagen ganz sachte ins Kreuz schiebt. Und ich werde ganz ruhig und denke: Da stehst Du jetzt einfach und kannst gar nicht anders. Und drücke ein bisschen den Rücken durch. Dann fühlt es sich fast wie Massage an, der Wagen, mein Rücken, das geht so hin und her. Derweil beobachte ich, was an den anderen Kassen geschieht. Mit welcher Anmut die Waren aufs Band gelegt werden, in welchem Einverständnis sich die Bezahlvorgänge abspielen und mit welch freudigen Gesichtern die Waren in Rucksäcke und Taschen gepackt werden. Ganz großes Kino, sage ich Ihnen, ganz großes Kino! Sehen Sie da einfach einmal genau hin – und lassen Sie sich dabei Zeit. Genießen Sie das Warten einfach!“

 

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