Herr Jakob zum Thema Enttäuschungen

“Herr Jakob, Sie waren nicht da!”
“Wie bitte?”
“Sie waren nicht da. Ich war da. Sie nicht. Ich habe stundenlang gewartet. Und das in dieser Hitze!”
“Ja, nun.”
“Ja, nun? Das ist doch wohl ein bisschen wenig. Eine Entschuldigung wäre angebracht. Schließlich waren wir verabredet!”.
“Ach? Waren wir das?”
“JA!”
“Nun, da habe ich wohl etwas verwechselt. Das tut mir leid. Aber das Warten haben Sie ja nun überstanden. Jetzt können wir uns unterhalten, was meinen Sie?”
“…”
“Jetzt schmollen Sie aber nicht, oder?”
“…”
“Ich bitte Sie.”
“Hören Sie, ich bin enttäuscht. Ich habe Sie für zuverlässiger gehalten. Ich habe meinen ganzen Tag nach unserer Verabredung organisiert – und dann waren Sie nicht da. Wahrscheinlich hatten Sie Besseres zu tun. Oder plötzlich keine Lust mehr. Sie hätten wenigstens Bescheid sagen können. Doch ich bin wahrscheinlich überhaupt nicht wichtig genug.”
“Ach, ach. Sie waren enttäuscht. Das kann ich natürlich verstehen. Sie gingen von einer bestimmten Annahme aus, und die traf nicht ein. Vielleicht war es einfach ein Missverständnis? Sehen Sie, ich hatte am nächsten Tag auf Sie gewartet. Da waren Sie nicht da.”
“Ach, tatsächlich?”
“Ja. Offenbar hatten wir unterschiedliche Annahmen, wann wir uns verabredet hatten. Da standen wir also beide ein bisschen dumm in der Gegend herum. Nur eben an verschiedenen Tagen. Wir gingen beide fehl in der Annahme, dass wir zur gleichen Zeit am gleichen Ort sein würden. Wir täuschten uns einfach. Und als sich diese Täuschung herausstellte, war es sozusagen eine Ent-Täuschung. Und – nehmen Sie mir das bitte nicht übel – ich habe gerade das Gefühl, dass Sie sich in Ihre Ent-Täuschung vergraben.”
“Ach ja?”
“Ja. Sie wollen eigentlich die Täuschung ungeschehen machen. Das ist aber viel Arbeit! Am liebsten würden Sie doch hören, dass wir am gleichen Tag verabredet waren, ich Depp das aber vergessen habe oder etwas anderes wichtiger war oder was weiß ich. Dass Ihre Annahme also richtig war. Es also gar keine Täuschung gab. Und schon ist das Leben wieder klar und berechenbar.”
“Mhm.”
“So ist es aber nicht. Es gibt Täuschungen und die führen dann zu Ent-Täuschungen. Die Täuschung ist dann zwar auch weg, aber Sie müssen damit leben, dass Ihre Annahmen nicht zutreffend waren. Das kann einem ja durchaus schwer fallen. Wie unberechenbar das Leben dann wird! Ständig ist man von der Gefahr von Täuschungen umzingelt. Und rennt in eine Richtung los in völlig falschen Annahmen und landet womöglich in einer Sackgasse. Dann können Sie einfach versuchen hinzunehmen, dass Sie sich getäuscht haben und nun die Ent-Täuschung erleben. Und diese Phase geht ja auch wieder vorbei! Sie passen einfach Ihr Leben an die neue Situation an und machen weiter. Das wäre zumindest auch eine Möglichkeit.”