Herr Jakob zum Thema Erschöpfung

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“Hallo?”
[…]
“Hallo, mein Lieber, wo sind Sie denn?”
[…]
“Ach, jetzt sehe ich Sie. Da hinten in der Ecke sitzen Sie. Sie sehen ja ganz fertig aus … mein Lieber, was ist denn mit Ihnen?”
“Ach, Herr Jakob. Mir ist alles zu viel.”
“Ach, herrje. Alles? Einfach zu viel?”
“Ja. Alles. Ich kann nicht mehr.”
“Sie können so gar nicht mehr? So überhaupt nicht?”
“Nein. Überhaupt nicht mehr. Es hat ja alles keinen Sinn. Am liebsten würde ich den ganzen Tag im Bett bleiben.”
“Oho. Sie meinen Winterschlaf halten?”
“Ach, was weiß ich. Herr Jakob, das ist mir alles irgendwie egal. Ich möchte am liebsten nur noch irgendwo herumliegen und nichts mehr tun. Nichts mehr müssen. Nicht mal träumen, auch das wäre mir zu anstrengend.”
“Nichts mehr müssen? Was müssen Sie denn alles?”
“Na alles. Alles bleibt immer an mir hängen. Immer bin ich es, der irgendetwas retten muss.”
“Alles. Immer. Müssen. Soso. Sie müssen also immer alles. Und alles alleine, und sonst gibt es wahrscheinlich niemanden, der auch einmal etwas tun könnte.”
“Ach, die anderen kümmern sich halt nicht so wie ich.”
“Wie haben Sie denn das geschafft?”
“Was?”
“Na, dass die anderen sich alle um nichts kümmern. Dass immer Sie das sind. Das muss man ja erst einmal schaffen!”
“So?”
“Ja nun. Wenn Sie schon immer alles tun, dann bleibt für die anderen ja auch nichts mehr übrig. Die sitzen fröhlich in ihren Ecken und lassen Sie machen, wo Sie ja ohnehin schon dabei sind, alles zu tun.”
“Mhm.”
“Aber wenn ich nicht…”
“… dann wäre die Welt explodiert?”
“Das natürlich nicht, Herr Jakob! Das wissen Sie doch!”
“Sie aber offenbar nicht.”
“Naja. Vielleicht nicht, vielleicht doch, was soll’s. Ich bin nur noch erschöpft.”
“Er-schöpft, ja. Leer geschöpft haben Sie sich.”
“Ach ja?”
“Sie schöpfen und schöpfen aus dem Reservoir Ihrer Kräfte tief in Ihnen. Und Ihr Schöpfgerät schlägt längst schon auf Grund, da ist längst keine Kraft mehr, und Sie schöpfen immer noch weiter. Anstatt einmal zu warten, bis sich die Kräfte wieder erneuert haben. In der Zeit können ruhig einmal die anderen ran und ihre Kräfte einsetzen.”
“Ja?”
“Ja. Sonst erlahmen die ja noch völlig. Und Sie, Sie stellen sich derweil in den Regen, lassen sich berieseln, denken an gar nichts und spüren einfach, wie Ihnen der Regen den Kragen hinabrinnt. Dann gehen Sie hinein und legen sich in die warme Badewanne.”
“Ach. Schön.”
“Und wie!”