Herr Jakob zum Thema Reisen

„Herr Jakob, sind Sie noch da?“
„Natürlich. Wo sollte ich sonst sein?“
„Vielleicht verreist, über die Feiertage und den Jahreswechsel.“
„Neinnein. Ein Winterschlaf ist ja selbst wie eine Reise. Da kann man ganz gemütlich zu Hause bleiben. Die Reise findet im warmen Bett statt, wissen Sie?“
„Mhm. Aber ist das auch wirklich eine Reise? Sie verändern Ihren Aufenthaltsort ja überhaupt nicht.“
„Na, so würde ich das nicht sagen. Wenn es so weit ist, bewege ich mich sehr bewusst vom Wohnzimmer nach oben ins Schlafzimmer. Auf jeder Treppenstufe halte ich kurz inne. Wenn ich dann im Bett liege und mich unter die Decke kuschele, ist das wie ein Abflug in eine andere Welt. Nur viel entspannter. Und die Landung ist unglaublich sanft, wie ein leiser Lufthauch. Und dann sind Sie in einer völlig anderen Welt.“
„In einer völlig anderen Welt?“
„Ja. Darum geht es doch beim Reisen. Dass Sie den Standort wechseln. Sie bewegen sich an einen anderen Ort, den Sie entweder überhaupt noch nicht kennen, oder an dem Sie schon einmal waren, aber vielleicht nur im Urlaub oder zu einem sonstigen besonderen Anlass. Der Ort, an den Sie reisen, ist immer ein besonderer Ort. Weil er nicht alltäglich ist. Weil Sie dort vielleicht ganz neue Entdeckungen machen können – und zwar nicht nur im Äußeren, sondern auch ganz tief in sich drin.“
„Tief in mir drin? Was soll da sein?“
„Ihre Sehnsüchte. Ihre Hoffnungen und Träume. Denen können Sie manchmal besser auf die Spur kommen, wenn Sie reisen und dabei die Perspektive verändern. Wenn Sie neue Eindrücke sammeln und auf sich wirken lassen. In einer neuen Umgebung spiegelt sich Ihr Inneres anders als auf den gewohnten Pfaden. Sie laufen auf Wegen, auf denen Sie noch nie gelaufen sind und stellen fest, dass Sie das ganz gut hinbekommen – obwohl es unbekanntes Terrain ist. Das kann Ihnen ja das nötige Vertrauen geben, es auch einmal auf anderem Gebiet mit Veränderungen zu versuchen. Vielleicht entwickeln Sie Pläne für ein ganz anderes Leben. Für ein Leben, in dem Sie viel näher an Ihren Sehnsüchten und Träumen leben.“
„Ach. Wie weit müsste ich dafür reisen?“
„Wie weit Sie im Äußeren reisen, darauf kommt es nicht unbedingt an. Ein Freund von mir reist gerade nach Australien – das ist ja eine unglaublich weite Reise. Er sitzt jetzt in einer fliegenden Maschine, die ihn zwischen Himmel und Erde bis ans andere Ende der Welt befördert. Ich kann immer wieder darüber staunen, dass so etwas überhaupt möglich ist – in zwei Tagen den halben Erdball zu überfliegen. Dann sitzt dieser Freund schon übermorgen am Pazifikstrand, blickt auf das Wasser und ist seinem alltäglichen Leben völlig enthoben. So kann er vielleicht noch einmal ganz anders auf sein Leben blicken und was er darin so tun könnte. Ein anderer Freund von mir ist im Sommer in die Uckermark gefahren, nur ein paar Stunden Zugfahrt, schon war er am Ziel angekommen. In dieser wunderbaren Landschaft hat er sich an einen einsamen See gesetzt und aufs Wasser geblickt. Er hat mir erzählt, wie still es war. Und was er plötzlich alles in sich selbst hörte. Und wie sich dies in eine Harmonie fand mit seiner Umgebung. Da wusste er, dass er seine Stelle aufgeben und etwas völlig anderes machen würde.“

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