Herr Jakob zum Thema Gemächlichkeit

“Herr Jakob?”
“Ja, bitte?”
“Ach, schön, es gibt Sie noch, ich dachte schon, Sie wären jetzt völlig abgetaucht.”
“Völlig abgetaucht? Nein nein, nicht im Sommer, nicht im Frühherbst, Sie wissen ja, ich schlafe nur den Winter über durch.”
“Ja nun, ich dachte, vielleicht sind Sie dieses Jahr gar nicht aufgestanden…”
“Sie haben ganz recht, so richtig war mir auch nicht nach Aufstehen zumute. Aber der Mensch muss sich ja auch bewegen, muss an die frische Luft, muss ab und zu andere Menschen sehen, sonst verödet er ja völlig. Ich freue mich übrigens, Sie zu sehen! Auch mit Maske!”
“Tragen Sie keine?”
“Doch, entschuldigen Sie, ich bin etwas schusselig in letzter Zeit… So. Und die Brille beschlägt dann dauernd. Ach, was für Zeiten! Durch die kommt man nur mit Gemächlichkeit.”
“Gemächlichkeit? Ist das Ihr Ernst? Die Welt steht kurz vor der Explosion, die Ereignisse überschlagen sich, jeden Tag gibt es neue Hiobsbotschaften, und, äh, Sie plädieren für Gemächlichkeit?”
“Eben drum. Schnell geht immer, langsam muss man wollen.”
“Aber manchmal muss es doch einfach schnell gehen! Maßnahmen müssen her, neue Therapien und genügend Intensivbetten, ein Impfstoff muss her, dann können wir endlich wieder…”
“So weitermachen wie vorher? Das glauben Sie nicht im Ernst, oder?”
“Nun ja. Aber vielleicht doch ein bisschen…? Nur wenigstens ein bisschen überall in der Gegend herumfliegen, shoppen shoppen shoppen, die Wirtschaft muss ja wieder angekurbelt werden, Elektroautos müssen her, überall schnelles Internet fürs Homeoffice, …”
“Und Schokokuchen.”
“Was?”
“Schohooookokuchen.”
“Herr Jakob! Ihnen fehlt schon wieder der Ernst!”
“Ich bitte Sie. Die Lage ist so ernst, dass nur noch Humor hilft. Weitermachen, alle wollen immer weitermachen. Gemach, gemach, sage ich nur. Das will gut überlegt sein, wie wir dann weitermachen. Wie schnell und wie langsam und überhaupt.”
“Überhaupt? Sie meinen, wir sollten gar nicht weitermachen? Und vielleicht einfach nur im Bett herumdösen, bis der Arzt kommt?”
“Das könnte ein Anfang sein. Aber der Arzt ist dann auch im Bett.”